
Der Kanton Tessin hat einen stillen, aber bedeutsamen Schritt gemacht: Amtliche Dokumente werden neu mit Apertus übersetzt – einem Open-Source-Sprachmodell, das vollständig lokal auf dem kantonalen Server läuft. Keine Daten verlassen das Rechenzentrum. Kein Vendor-Lock-in. Keine AGB, die ändern können.
Möglich macht das Apertus, entwickelt von ETH Zürich, EPFL und CSCS (dem nationalen Supercomputing-Zentrum). Das Modell ist auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Rumänisch und Ukrainisch spezialisiert – eine Kombination, die für die mehrsprachige Schweizer Verwaltung wie gemacht wirkt. Im Benchmark erzielt es 94 % Genauigkeit. Das ist keine Spielerei. Das ist praxistaugliche Technologie.
Warum mich das begeistert
Drei Aspekte stechen für mich heraus:
1. Open Source + lokal = Datenschutz by design
Wer mit öffentlichen Daten arbeitet, weiss: Datenschutz ist kein Feature, das man nachträglich ergänzen kann. Er muss in der Architektur verankert sein. Ein Modell, das auf dem eigenen Server läuft, gibt der Behörde die volle Kontrolle über ihre Daten – ohne AGB-Änderungen, Preiserhöhungen oder plötzliche Abkündigungen durch einen US-amerikanischen Anbieter. Open Source bedeutet ausserdem: Der Code ist prüfbar. Es gibt keine Black Box.
2. Kleine Modelle können genug sein
Apertus kommt in zwei Grössen: 8 und 70 Milliarden Parameter. Für den Anwendungsfall «Behördenübersetzung» reicht das kleinere Modell vollständig. Das widerlegt eine weit verbreitete Annahme: dass man immer die grösste Modell-Keule braucht. Im Gegenteil: Ein spezialisiertes, schlankes Modell ist oft präziser, schneller und günstiger zu betreiben als ein generalistisches Riesenmodell. Die Kunst liegt in der richtigen Auswahl – nicht in der maximalen Parameterzahl.
3. Öffentliche Infrastruktur als KI-Enabler
CSCS stellt die Rechenkapazität bereit. Swisscom betreibt die Swiss AI Platform. ETH und EPFL liefern die wissenschaftliche Grundlage. Das ist ein Modell, das zeigt, wie öffentliche Hand und Forschung gemeinsam digitale Souveränität schaffen können – ohne auf kommerzielle Anbieter angewiesen zu sein. Und das Modell ist inzwischen öffentlich downloadbar.
Was das für Gemeinden und Kantone bedeutet
Ticinos Entscheid ist kein Einzelfall – er ist ein Präzedenzfall. Andere Kantone und Gemeinden, die KI in der Verwaltung einsetzen wollen, können denselben Weg gehen. Die technische Hürde ist gesunken. Apertus lässt sich heute herunterladen, auf einem eigenen Server installieren und direkt in bestehende Workflows integrieren.
Konkret denkbar sind:
- Automatische Übersetzung von Planungsberichten, Vorprüfungsbescheiden und Einspracheantworten
- Zusammenfassungen langer Planungsdossiers für politische Gremien
- Unterstützung bei der mehrsprachigen Bürgerkommunikation
- Lokale Vorverarbeitung von Geodaten und Dokumenten, bevor sie an spezialisierte Fachagenten weitergegeben werden
Und unsere eigenen Tools?
Auch unser Interessenabwägungs-KI-Tool kann auf einem eigenen Server gehostet und an ein lokales Sprachmodell wie Apertus gekoppelt werden. Für Kantone oder grössere Gemeinden, die datenschutzrechtliche Anforderungen an Cloud-Dienste nicht erfüllen können, ist das keine Einschränkung – sondern ein Vorteil. Die Verarbeitungslogik bleibt dieselbe, die Daten verlassen die eigene Infrastruktur nie.
Das ist der Weg: Nicht jedes KI-Projekt braucht einen US-Cloud-Dienst. Die Schweiz hat die Fähigkeit, eigene, souveräne KI-Infrastruktur zu betreiben. Ticino zeigt, dass es geht.
Autor: Andreas Rupf