Ausgangslage: Eine Gemeinde im Wandel
Bioggio ist eine Gemeinde im Bezirk Lugano, Kanton Tessin, mit rund 4'000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Sie steht vor Herausforderungen, die viele periurbane Schweizer Gemeinden kennen: Siedlungsdruck durch Nähe zur Stadt, fragmentierte Landschaftsräume, zunehmender Motorisierungsgrad und ein öffentlicher Raum, der nicht mehr den Bedürfnissen einer aktiven, gesunden Bevölkerung entspricht.
Das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) lancierte das Programm Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung 2025–2030, um innovative Ansätze in Schweizer Gemeinden zu fördern, die über das Projekt hinaus übertragbar sind. Bioggio wurde für sein thematisches Anliegen ausgewählt: die Verknüpfung von Bewegung, Alltag und Landschaft im periurbanen Raum.
Aufgabenstellung
SPEKTRUM wurde beauftragt, den Prozess der räumlichen Strategieentwicklung zu begleiten. Die zentrale Fragestellung: Wie können öffentliche und halböffentliche Räume in Bioggio so gestaltet werden, dass sie Bewegung im Alltag fördern, die Landschaft erlebbar machen und gleichzeitig das Zusammenleben stärken?
Die Herausforderung lag in der Mehrdimensionalität: Gesundheitsförderung, Landschaftsplanung, Mobilitätsplanung und Nutzungsplanung mussten kohärent gedacht werden – unter Einbezug von Gemeindebehörden, der kantonalen Verwaltung und der Bevölkerung.
Methodik und Vorgehen
Der Prozess folgte einem partizipativen, mehrstufigen Ansatz:
- Analyse der Ist-Situation: Räumliche Analyse des Gemeindegebiets, Identifikation von Bewegungsachsen, Landschaftsqualitäten und Defiziten im öffentlichen Raum. Grundlage bildeten Geodaten des Kantons Tessin sowie Begehungen vor Ort.
- Partizipativer Prozess: Workshops mit der Bevölkerung, Gespräche mit Schlüsselpersonen (Gesundheitswesen, Schule, Vereine), Einbezug der Gemeindeverwaltung.
- Strategieentwicklung: Erarbeitung eines räumlichen Leitbilds mit konkreten Handlungsfeldern: Bewegungskorridore, erlebbare Landschaftsräume, aktive Erdgeschosszonen, Langsamverkehrsverbindungen.
- Umsetzungsplanung: Priorisierung von Massnahmen, Etappierung und Zuordnung zu Planungsinstrumenten (Nutzungsplanung nach RPG Art. 14, kantonaler Richtplan Tessin).
Ergebnisse
Das Modellvorhaben Bioggio liefert einen räumlichen Strategierahmen für die Gemeindeentwicklung bis 2030 mit folgenden Kernelementen:
- Netz von Bewegungskorridoren, das Wohnquartiere, Schulen, Zentrum und Landschaftsräume verbindet
- Konzept für aktive Erdgeschossnutzungen entlang zentraler Achsen als Grundlage für die Nutzungsplanung
- Massnahmenpaket zur Aufwertung der Landschaftsübergänge zwischen Siedlung und Freiraum
- Grundlagen für die Ortsplanungsrevision der Gemeinde Bioggio
Die Ergebnisse werden im Rahmen des ARE-Programms dokumentiert und anderen Schweizer Gemeinden als Referenz zugänglich gemacht.
Übertragbare Erkenntnisse
Bioggio zeigt, dass nachhaltige Raumentwicklung dann gelingt, wenn Gesundheitsförderung und Raumplanung gemeinsam gedacht werden. Bewegungsfreundliche Räume entstehen nicht durch einzelne Massnahmen, sondern durch ein kohärentes Netz von Korridoren, Qualitäten und Nutzungsangeboten.
Für Gemeinden in vergleichbaren Lagen – periurban, unter Siedlungsdruck, mit fragmentierten Freiräumen – liefert Bioggio ein übertragbares Modell, das planungsrechtlich in der Nutzungsplanung (RPG Art. 14–17) und der Richtplanung (RPG Art. 6–12) verankert werden kann.
Nachhaltige Raumentwicklung bedeutet, dass Menschen ihren Alltag aktiv und gesund gestalten können – im Quartier, in der Landschaft, in der Gemeinde. Das ist keine Utopie, das ist gute Raumplanung.