Ausgangslage: Innerstädtisches Potenzial unter Druck
Das Lettenquartier liegt im Zürcher Kreis 5, eingebettet zwischen Industriestrukturen, Gleisanlagen und gründerzeitlicher Bebauung. Wie viele innerstädtische Lagen in Zürich steht das Quartier unter Transformationsdruck: steigende Grundstückswerte, wachsende Nachfrage nach urbanem Wohnen und Arbeiten, gleichzeitig aber auch bestehende Nutzungsvielfalt und gewachsene Quartiersidentität, die es zu erhalten gilt.
Die Stadt Zürich – die nach dem Stadtentwicklungskonzept (STEK 2040) auf Innenentwicklung und Verdichtung setzt – suchte eine belastbare räumliche Grundlage für die zukünftige Nutzungsplanung des Gebiets. Die Testplanung war das Instrument der Wahl: ein kooperatives, nicht formelles Planungsverfahren, das verschiedene städtebauliche Szenarien durchspielt und zu einem konsensfähigen Leitbild verdichtet.
Aufgabenstellung
Ein interdisziplinäres Planerteam wurde mit der Durchführung einer Testplanung für das Lettenquartier beauftragt. Kernfragen:
- Welche städtebauliche Dichte und Nutzungsstruktur ist für das Lettenquartier zukunftsgerecht?
- Wie können Bestand und Neuentwicklung qualitätsvoll in Dialog gebracht werden?
- Wie wird der öffentliche Raum als Rückgrat des Quartiers gestärkt?
- Welche Grundlagen braucht die nachfolgende formelle Nutzungsplanung nach PBG ZH §§ 83ff.?
Die Herausforderung lag in der Gleichzeitigkeit: Wohnen, Arbeiten, Gewerbe, kulturelle Nutzungen und öffentliche Räume mussten in einem dichten städtischen Gefüge kohärent verortet werden – und das unter Einbezug der relevanten Eigentümerinnen, Nutzer und Behörden.
Methodik: Das kooperative Testplanungsverfahren
Die Testplanung folgte dem bewährten Schweizer Modell des kooperativen Planungsverfahrens – einem nicht-formellen Prozess vor der eigentlichen Nutzungsplanung (RPG Art. 14):
- Auftakt und Analysephase: Gemeinsame Bestandsaufnahme durch das gesamte Team. Workshops mit Grundeigentümerinnen, Gewerbe und städtischen Dienststellen. Analyse der geltenden Zonenordnung und der baurechtlichen Rahmenbedingungen gemäss Bau- und Zonenordnung der Stadt Zürich (BZO).
- Variantenentwicklung: Jedes Büro im Team entwickelte einen eigenständigen städtebaulichen Ansatz. Löeliger Strub Architekten konzentrierten sich auf die bauliche Struktur und Dichte; Schmid Landschaftsarchitekten auf Freiraumqualitäten und Grünvernetzung; SPEKTRUM koordinierte den Prozess und übernahm die planungsrechtliche Einbettung.
- Synthese: Zusammenführung der Varianten zum gemeinsamen Leitbild: ein städtebauliches Konzept, das die Stärken der einzelnen Ansätze vereint und als Grundlage für die Behördenkonsultation dient.
- Schlussberichterstattung: Dokumentation des Leitbilds als Grundlage für die nachfolgende formelle Planung – insbesondere für einen allfälligen Gestaltungsplan oder eine Zonenplanrevision.
Ergebnisse
Die Testplanung Lettenquartier mündete in ein räumliches Leitbild mit klaren Aussagen zu:
- Nutzungsstruktur: Differenzierte Verdichtung mit Wohnanteil im Inneren, aktivierenden Erdgeschossnutzungen an den Hauptachsen und Gewerbeerhalt in den Bestandsstrukturen
- Öffentlicher Raum: Stärkung der quartiersprägenden Freiräume als identitätsstiftende Elemente; neue Wegverbindungen als Vernetzung von Quartier und Umgebung
- Grünräume: Begrünte Innenbereiche, Dachflächen und Strassenbäume als Beitrag zur Klimaresilienz und Aufenthaltsqualität – im Sinne der Zürcher Stadtklimastrategie 2035
- Bauliche Dichte: Konkrete Aussagen zu Ausnützungsziffer und Gebäudehöhen als Verhandlungsgrundlage für die Nutzungsplanung
Das Leitbild wurde von der Stadt Zürich als Grundlage für die weitere Planungsarbeit übernommen. Es schafft Rechtssicherheit für Investierende und gibt der Bevölkerung Orientierung über die Entwicklungsrichtung ihres Quartiers.
Übertragbare Erkenntnisse
Die Testplanung Lettenquartier zeigt, warum kooperative Planungsverfahren in komplexen innerstädtischen Lagen so wirkungsvoll sind: Sie schaffen vor der formellen Planung Konsens, reduzieren Einspracherisiken und liefern einen räumlichen Qualitätsmassstab, an dem sich spätere Projekte messen lassen.
Für Zürcher Verhältnisse war entscheidend, dass das Verfahren die Anforderungen der BZO Zürich und der Stadtentwicklung Zürich von Beginn an mitdachte – und damit Anschlussfähigkeit an die formelle Nutzungsplanung nach PBG ZH §§ 75ff. sicherstellte.
Eine Testplanung ist kein Planungsinstrument – sie ist ein Lernprozess. Das Beste kommt nicht von einem einzigen Team, sondern aus dem Ringen verschiedener Perspektiven um die beste Lösung.