Ausgangslage: Transformation eines Bahnhofareals
Das Bahnhofsareal Grenchen Süd liegt im Zentrum der Uhrenstadt Grenchen im Kanton Solothurn. Die Stadt steht vor einer typischen Herausforderung der Schweizer Stadtentwicklung: einem grossen, infrastrukturell gut erschlossenen Areal direkt am Bahnhof, das sein städtebauliches Potenzial noch nicht ausschöpft. Ehemalige Industriestrukturen, unklare Nutzungszuweisungen und fehlende räumliche Vernetzung prägten das Bild.
Vor dem Hintergrund der RPG-Revision (2. Etappe) und der nationalen Strategie zur haushälterischen Bodennutzung ist die Nutzung von Bahnhofsarealen für die Innenentwicklung eine prioritäre Aufgabe für Schweizer Gemeinden. Grenchen Süd bot die Chance, ein innerstädtisches Entwicklungsgebiet nach den Grundsätzen der Innenentwicklung nach RPG Art. 1 Abs. 2 lit. b zu gestalten.
Aufgabenstellung
Die Stadt Grenchen beauftragte ein interdisziplinäres Team mit der Erarbeitung eines Masterplans für das Bahnhofsareal Grenchen Süd. Die Aufgabe: Ein räumliches Konzept entwickeln, das die Potenziale des Areals ausschöpft, die Anbindung an das Stadtzentrum stärkt und eine nachhaltige, gemischt genutzte Bebauung ermöglicht.
Kernfragen waren: Welche Nutzungsvielfalt braucht das Areal? Wie wird es zur Stadt hin geöffnet? Wie werden Bestand und Neuentwicklung in Dialog gebracht? Und wie lässt sich die städtebauliche Vision in konkreten Planungsinstrumenten – einem Gestaltungsplan nach kantonalem Baurecht Solothurn – verankern?
Methodik und Vorgehen
Das interdisziplinäre Team – SPEKTRUM (Raumplanung & Prozess), Urbanista (Städtebau), SIMA BREER (Architektur), sa_partners (Landschaftsarchitektur) – arbeitete in einem iterativen Verfahren:
- Analyse und Potenzialerfassung: Systematische Bestandsaufnahme der Grundstücks- und Eigentümerstruktur, Nutzungen, Erschliessung und städtebaulichen Bezüge. GIS-gestützte Analyse der Flächenreserven und Nutzungsverträglichkeiten.
- Städtebauliche Leitidee: Entwicklung und Abwägung von drei städtebaulichen Konzeptvarianten mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Wohnen, Arbeiten/Gewerbe, Mischnutzung). Workshop mit der Stadt Grenchen zur Strategieentscheidung.
- Masterplan: Ausarbeitung des präferierten Konzepts zu einem Masterplan mit Nutzungsstruktur, öffentlichem Raum, Erschliessung und Etappierung. Grundlage für den nachfolgenden Sondernutzungsplan.
- Planungsrechtliche Einbettung: Abstimmung mit dem kantonalen Richtplan Solothurn und den kommunalen Nutzungszonenvorschriften; Prüfung der Mehrwertabgabepflicht nach RPG Art. 5 Abs. 1bis bei allfälliger Umzonung.
Ergebnisse
Der Masterplan Grenchen Süd definiert ein kohärentes städtebauliches Entwicklungsbild für das Bahnhofsareal mit folgenden Schwerpunkten:
- Gemischte Nutzungsstruktur: Wohnen, urbanes Arbeiten, Erdgeschossnutzungen und öffentliche Infrastruktur – als lebendiges, 24-Stunden-Quartier konzipiert
- Neues Quartierszentrum: Öffentlicher Platz am Bahnhof als Bindeglied zwischen Areal und Stadtgefüge, mit Aufenthaltsqualität und Nahversorgung
- Durchgrünung und Freiräume: Baumachsen, Freiraumkorridore und begrünte Innenhöfe als klimatische und gestalterische Qualitäten – eingebettet in das landschaftsarchitektonische Konzept
- Etappierung: Realistischer Realisierungshorizont in drei Etappen mit klaren Auslöserbedingungen, abgestimmt auf die Grundstücks- und Eigentümerstruktur
Der Masterplan bildet die Grundlage für die nachfolgende formelle Planung: die Erarbeitung eines Gestaltungsplans und die Anpassung der kommunalen Nutzungsplanung.
Übertragbare Erkenntnisse
Das Projekt Grenchen Süd illustriert ein in der Schweiz häufiges Muster: Bahnhofsareale haben strategische Bedeutung für die Innenentwicklung, aber ihre Transformation erfordert mehr als einen guten Städtebau. Entscheidend sind das frühzeitige Einbeziehen der Eigentümerschaft, die Abstimmung mit dem kantonalen Richtplan und ein klares politisches Bekenntnis der Gemeinde zu einer langfristigen Entwicklungsstrategie.
Für vergleichbare Projekte – Arealentwicklungen in mittelgrossen Schweizer Städten mit Bahnanschluss – liefert Grenchen Süd ein praxisbewährtes Vorgehen: von der Potenzialanalyse über die Masterplanung bis zur Verankerung im Sondernutzungsplan (RPG Art. 14, §§ 52ff. PBG SO).
Gute Arealentwicklung entsteht nicht auf dem Reissbrett – sie entsteht im Dialog: zwischen Stadt und Eigentümerschaft, zwischen städtebaulicher Vision und planungsrechtlicher Realität.